„Sind wir offen genug, eine Gesellschaft zu werden, die sich inklusiv versteht?“ fragt Dr. Thomas Broch, Flüchtlingsbeauftragter der Diözese Rottenburg-Stuttgart zum Abschluss seines Vortrags im Studienkolleg Obermarchtal. Sind wir bereit, die Flüchtlinge, die zu uns kommen, mit ihren Geschichten und ihrer Kultur wirklich gleichberechtigt anzuerkennen? Broch ist als Experte beim Interkulturellen Tag des Studienkollegs zu Gast und referiert vor ca. 100 Schülerinnen und Schülern über den Umgang mit Flüchtlingen in unserer Gesellschaft, über seine Reisen in Flüchtlingslager und Krisengebiete sowie über inklusive Projekte in der Diözese.

Die Schule hat ihren Interkulturellen Begegnungstag im aktuellen Schuljahr den Themen „Flucht“ und „Heimat“ gewidmet und will jenseits des Klassenzimmers unterschiedliche Facetten dieser Themen beleuchten und ergründen. „Wir nehmen uns diesen Tag und wählen uns Themen, die relevant sind – nicht prüfungsrelevant.“ sagt Dr. Britta Frede-Wenger, die den Interkulturellen Begegnungstag am Studienkolleg organisiert. Sie hat ein Programm zusammengestellt, das den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bietet, sich direkt mit Experten, Helfern und Betroffenen auszutauschen. Eine Podiumsdiskussion sowie ein umfangreiches Workshop-Angebot gaben Einblicke in die Flüchtlingsarbeit von Initiativen in der direkten Umgebung sowie in die Entstehung des Opernprojekts „Così fan tutte“ mit syrischen Flüchtlingen, das auf Initiative der Sängerin Cornelia Lanz entstand.

Cornelia Lanz und die syrischen Mitglieder des Opernprojekts erprobten mit den Schülerinnen und Schülern in einem Theaterworkshop, wie ein Kopftuch die Jugendlichen verändert und welche Sitten und Bräuche beim gemeinsamen Kaffeetrinken in Syrien zu beachten sind. Im Anschluss wurde lebhaft zur syrischen Musik im Spiegelsaal des Klosters getanzt – mit und ohne Kopftuch.

Am Abend präsentierten die jungen Syrerinnen und Syrer um Cornelia Lanz Auszüge aus dem mittlerweile landesweit bekannten und gefeierten Opernprojekt sowie eigene Texte unter dem Titel „Der Schrei der Heimat“. Houzayfa Al Rahmoon trug Gedichte vor, die er in der Flüchtlingsunterkunft im Kloster Oggelsbeuren geschrieben hat. Ramadan Ali, syrischer Schauspieler und Musiker, der ebenfalls aus seiner Heimat floh und mittlerweile in Ulm lebt, spielte eine eigene Szene, die sich mit dem Eingesperrt-Sein in einer ein Quadratmeter großen Gefängniszelle auseinandersetzt. Gemeinsam mit dem Ensemble betraten zum Abschluss des Abends auch die syrischen Gäste aus dem Publikum die Bühne und sangen das syrische Paradieslied „Janna“. Ein ergreifender und schöner Anschluss für den Interkulturellen Begegnungstag am Studienkolleg. Die Schülerinnen und Schüler sowie die interessierten Gäste, die den Spiegelsaal an diesem Abend restlos füllten, waren begeistert, spendeten tosenden Applaus, der sogleich in gemeinsames Singen und Musizieren überging.

„Den anderen so verstehen lernen, wie dieser sich selbst versteht, damit er lernt, mich so zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe.“ Dieser Vision des indischen Theologen und Jesuiten Francis D’Sa, auf die Thomas Broch am Vormittag in seinem Vortrag verwiesen hatte, kamen die Deutschen und Syrer an diesem Abend ein Stückchen näher.

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